THE PRETTY THINGS

Time to say goodbye

22.09.2018

 

Nach 55 Jahren ist es soweit: The Pretty Things – eine der langlebigsten und somit auch kreativsten Bands der Rockgeschichte treten ab als Tour Band und verabschieden sich im Hebst 2018 mit einer großen Europa-Tournee
1964 war ein magisches Jahr für die Rockmusik. Jungendrevolte, Beatmusik, lange Haare, Minirock; aus den düsteren Kellern der englischen Großstadtklitschen steigen über Nacht junge Musiker zu internationalen Stars auf – die Beatles, Rolling Stones, Animals, Who und Yardbirds verschreiben sich jeweils auf ihre eigene unverwechselbare Art dem Rock & Roll und dem Rhythm & Blues. Eine Band aber war mit Abstand die Lauteste, Wildeste und Ungezogenste:
The Pretty Things mit ihrem langhaarigen Sänger Phil May und ihrem fingerfertigen Gitarristen Dick Taylor, der zuvor einer Band angehörte, die sich „The Rolling Stones“ nannte und die er mitbegründete. Kein Mensch, der die wüste Truppe in den Sixties auf der Bühne sah, hätte sich vorstellen können, dass diese Band anno 2013 immer noch existiert und spielfreudig und kompetent, aber immer noch ungezügelt und motiviert einen Live-Querschnitt über ihre lange und steinige Karriere gibt. Und die bösen Buben sind immer noch schweinegut!
Zunächst hatten The Pretty Things keine Schwierigkeiten, mit ihrem knallharten und kompromisslosen Sound sich aus der Masse der R&B-Bands hervorzuheben. Noch heute zählt ihr Debut-Album „The Pretty Things“ zu den allerbesten Machwerken der Beat-Ära. Ihre Gigs jedoch- unvergessen, da auch in den letzten Jahren oft im TV wiederholt – bleibt ihr sagenhafter Beat-Club-Auftritt – endeten damals oft im Chaos. Dennoch hatten The Pretty Things damals Hit auf Hit: „Rosalyn“, „Don’t bring me down“, „Road Runner“, „Big boss man“, „Midnight to six men“ und einige mehr schafften die Top 20. Mit ihrer zweiten LP „Get the Picture“ kam erstmals Melodie ins Spiel. Live war die Band allerdings unvermindert ungestüm. Mit ihren Eskapaden – Viv Prince legte sich in Amsterdam mit einem Preisboxer an, danach ging sein Gesicht per Foto um die ganze Welt und sprang in Australien aus dem Flugzeug, ohne auf die Gangway zu warten –und vor allem mit der Veröffentlichung ihrer wohl berühmtesten Single „LSD“ – wurden sie zusehends Buhmänner n der bürgerlichen Presse: Ihre Songs waren auch noch Jahre später aus dem Programm aller Radiostationen verbannt.
Für viele überraschend wandten sich The Pretty Things – seit 1965 mit dem Superdrummer Skip Allen – mit dem Album „Emotions“ der aufkommenden FlowerPower – und Hippie-Bewegung zu. Neben Phil & Dick gesellten sich mittlerweile John Povey (keyboards) und Wally Allen (bass, Keyb) zur Band, die gemeinsam ein ungewöhnliches Kompositions- und Arrangement-Talent entwickelten.
1968 erschien das wohl wichtigste und schönste Album der Pretty Things: „S.F.Sorrow“ ein Meilenstein der Popgeschichte und eines der ersten Konzeptalben mit durchgehender Story. Kaum nachvollziehbar für alte Fans hatte sich die Live nach wie vor wilde Band im Studio zu einer der ambitioniertesten, anspruchsvollsten und genialsten Gruppen ihrer Zeit gewandelt. „S.F. Sorrow“ inspirierte „The Who“ zu „Tommy“ und wird auch heute noch von jungen Psychedelic-Bands als vorbildliches surrealistisches Musikwerk gewürdigt, das immer noch Menschen nachhaltig beeindruckt. Sitarklänge (George Harrison gab John persönlich Unterreicht), poetische Texte, bziarre Hendrix-Gitarren und ein tatsächlich schön singender Phil May konnten Presse und Publikum nur verblüffen. Auch das nachfolgende Meisterwerk Parachute (1970) arbeitete mit ähnlichen Strukturen und erreichte durch die „nahtlose Verbindung von Gesang und Instrumenten eine ungewöhnliche Intensität“ (Sounds.

Der „Rolliong Stone“ wählte dieses ebenfalls herausragende Album berechtigt zur „LLP des Jahres.“
1972 zeigt die „Pretty Things auch wieder auf der Höhe der Zeit. Mit „Freeway Madness“ verschmolzen sie Heavy – und Folkrock. In den Folgenjahren wurden sie mit den Alben „Silk Torpede“ (1974) und „Savage Eye“ (1976) auch endlich in den USA rehabilitiert: beide Alben erschienen auf dem Label und mit persönlicher Unterstützung von „Led Zeppelin“: Swan Song. Die Band gab mit „Zep“ Konzerte nahezu weltweit. 1981 erschien mit „Crosstalk (Warner Bros.) ein wahres Meisterwerk, auf dem Phil, Dick, Skip, Wally und John und Gitarrist Pete Tolson (seit 71 in der Band) der Punk- und Wave-Bewegung à la The Clash ihre ruppige Reverenz erwiesen. Wiederum erwies sich die Band als eine traumhaft starke Gitarrenband mit Gefühl und Härte. Auch Sänger Phil May hatte nichts von seiner Ausdrucksstärke eingebüßt.
Im Sommer 95 reformierten sich The Pretty Things in absoluter Bestbesetzung und gaben seither famose Konzerte in Deutschland, Holland, Frankreich, USA, Spanien und England; viele dieser Auftritte endeten damit, dass Skop Allein sein Schlagzeugsolo mitten im dichtegedrängten Publikum abhielt, bei den Zugaben „Stagediving“ machte oder sein Schlagzeug in Stück schlug. Ansonsten überzeugte die Band aber mit einem wirklich höchst differenzierten Set, das einen weiten Bogen um die ganze Band-Karriere schlug.
Der „Rolling Stone“! (4/2002) bringt es auf den P;unkt:
Merkwürdige Sache mit den Pretty Things: Während ihrer heißen Phase in den 60ern.,.. von der Öffentlichkeit beinahe ignoriert… Seit einigen Jahren allerdings ist die Aufmerksamkeit groß wie nie…. Die Irren um Mastermind Phil May waren ihrer Zeit stets voraus.
Das harte Leben on Tour und 55 Leben im Exzess fordern langsam Tribut. Das Ende der Neverending Tour wird für 2018 bekannt gegeben. Sicher bedeutet das noch nicht das endgültige Ende der Band, die sich derzeit auch wieder im Studio befindet.

www.theprettythings.com

VK 26,00 / AK 30,00